Große Schrift
Etwas größere Schrift
Normale Schriftgröße
Wohnen im Alter in BrandenburgWohnen im Alter in Brandenburg
Wohn-Blog Wohn-Blog
Startseite  |  Partner  |  FAQ  |  Kontakt  |  Sitemap
Logo Wohn-Blog

Beiträge



Ihr Beitrag zum Blog

Kennen Sie ein interessantes Projekt? Wissen Sie von einer spannenden Veranstaltung? Wollen Sie etwas zum Thema beitragen? Dann senden Sie Ihren Blog-Eintrag per eMail an uns!


 


Ich bin mein eigener Herr

Bild zum Thema Ich bin mein eigener Herr
Berndt Nawroth, Jahrgang 1932, lebt in einem Seniorenpflegeheim im Zentrum der Stadt Ludwigsfelde und ist sehr zufrieden damit. „Ich würde es jedem empfehlen in dem Alter, der alleine lebt.“ sagt er. „Man braucht sich um nichts zu kümmern, das Essen schmeckt gut, die Schwestern sind nett. Was will man mehr.“ Und wenn er will, geht er einkaufen, bummeln, ins Café ein paar Häuser weiter. Er besucht Freunde, macht Ausflüge. Der Bus hält fast vor der Tür. Er lobt das umfangreiche Programm, auch wenn er vor allem die Sportangebote nutzt: Kraft- und Balance-Training, Sturzprävention, Kegeln. Zu Ausflügen und Veranstaltungen geht er auch gern. Und er ist gefordert, denn Herr Nawroth ist Vorsitzender des Bewohnerschaftsrates im Heim. Seine Aktentasche bleibt weiter im Einsatz. Er kümmert sich, dass die Neuankömmlinge ihre Rechte kennen, hört sich die Sorgen an und unterstützt das Team. Es ist ein gutes Miteinander in der Einrichtung, findet er.
Bild zum Thema
Aber das Leben im Heim war auch für ihn eine große Umstellung. Er selbst ist nicht pflegebedürftig, er ist hier mit eingezogen, als er vor3 Jahren eine Einrichtung für seine an Demenz erkrankte Frau gesucht hatte. Lange Zeit hatte er versucht, sich um sie zu kümmern, hat den Haushalt gemacht und alles, was dazu gehört. Irgendwann ging es nicht mehr. Die Betreuung wurde immer anstrengender. Auch wenn sie schon in eine Erdgeschoßwohnung gezogen waren, es war für ihn nicht mehr zu schaffen. Also machte er sich eine lange Liste mit Fragen und zog los. Alle Senioreneinrichtungen im Umfeld hat er besucht, hat nachgefragt, genau hingeschaut und große Unterschiede bemerkt. Vor allem von der Atmosphäre her, sagt er. Wie man ihn behandelt hat, zum Beispiel. In dieser Zeit entstand gerade das neue Heim in Ludwigsfelde, mitten in der Stadt. Das hat er genau verfolgt, ist zum Tag der offenen Tür gegangen und hatte gleich ein gutes Gefühl. Keins der anderen Heime liegt so gut wie dieses, meint er. Für ihn ist das jetzt wichtig. Es gibt ihm die Freiheit, sein Leben zu leben.
Man bot ihnen gute Bedingungen für ihr gemeinsames Leben hier – zwei Zimmer, in denen sie sich ihr Wohn- und Schlafzimmer fast wie zu Hause einrichteten. So konnte Herr Nawroth weiter bei seiner Frau sein, aber die vielen Pflichten und Anstrengungen wurden ihm abgenommen. Und er achtete darauf, dass er laut Vertrag auch allein dort wohnen bleiben konnte. Nach dem Tod seiner Frau vor zwei Jahren wollte er nicht mehr in eine eigene Wohnung zurück. Er hat diese Entscheidung bis heute nicht bereut.
Bild zum Thema
Bescheiden sein, sich einordnen und Kompromisse eingehen, das hat ihn in seinem Leben geprägt. Und dabei trotzdem seine eigenen Ziele verfolgen und hartnäckig bleiben. Vielleicht kann er deshalb heute das Leben hier leichter akzeptieren als andere. Viel Krankheit und Leid ist um ihn herum, man kann sich schwer unterhalten. Ein großer Teil der Bewohner leidet an Demenz. Er kann damit umgehen, ist sowieso gern für sich, sagt er.
Herr Nawroth kommt aus Niederschlesien, ist auf einem Bauernhof großgeworden. Die Erinnerungen an die Kriegszeit, an die nahe Front, an Vertreibung und Aufnahmelager sind für ihn ganz lebendig. Nach Freiberg hatte es seine Familie verschlagen, zuerst schliefen sie alle auf Strohsäcken in einem großen Saal. Die Schule konnte er nicht mehr beenden und auch die Lehre als Schlosser war nicht sein Traum. Aber es musste sein. Seinen Wunsch, KFZ-Mechaniker zu werden, hat er trotzdem umgesetzt, über viele kleine Schritte. Er ist zur Polizei gegangen, hat überall den Aufbau mitgemacht und immer mehr Verantwortung übernommen. Die Arbeit hat ihn dadurch meist Freude gemacht. Versetzung von Ort zu Ort, Wohnen mit vielen in der Kaserne, das war für ihn normal. Leipzig, Berlin, Appollendorf, Potsdam, Brandenburg, Karl-Marx-Stadt, Zwickau. Seddin und dann Ludwigsfelde. Inzwischen war er Ingenieur für KFZ-Instandhaltung, Offizier und verantwortlich für die Militärfahrzeuge im Autowerk und im gesamten Kombinat. 1958 hat er seine Frau geheiratet und sie ist mit gezogen. Die Wohnbedingungen waren unterschiedlich, aber meist bescheiden. In Ludwigsfelde gab es dann eine schöne AWG-Wohnung über das Werk.
Kurz nach der Wende war Schluss. Er kam in den Vorruhestand und wurde frühzeitig Rentner. Eine gute Rente, wie er sagt. Gemeinsam mit der Frau sind sie dann viel gereist, besonders gern an die Ostsee. Bis die Frau krank wurde.
Jetzt lebt er hier und ist damit zufrieden. „Wenn man über 80 ist, sagt er. „ kann jeden Tag etwas passieren. Allein in einer Wohnung hätte ich Angst, was dann wird. Hier kann ich auf den Knopf drücken und Hilfe ist da. Die Sicherheit tut gut.“ Er ist trotzdem sein eigener Herr, findet er. Er sagt seine Meinung, ist gradlinig und setzt auch mal seine Interessen durch. Zum Beispiel wollte er den Tee nicht, den es hier gibt - „da kann man durchgucken“. So bekommt er jetzt immer seine Extrakanne. Das gefällt ihm. Wünsche werden berücksichtigt. Und gern empfängt er auch mal Gäste in seinem kleinen Zimmer und zeigt stolz das schöne Haus mit den vielen gemütlichen Ecken, mit dem freundlichen Speisesaal , mit Terrasse, Blumen, Wasserfall. Mit „Sportecke“, die er leider bisher noch nicht genutzt hat.
Eintrag vom 18.08.2017 unter »Praxisbeispiele: Wohnen in Einrichtungen«
 
 
Ein Projekt des Fördervereins Akademie 2. Lebenshälfte im Land Brandenburg e.V.